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Leben auf zu großem Fuß
Wie können Firmen ihre Produktionsprozesse auf Umweltverträglichkeit überprüfen?
"Footprint - zwei Methoden - ein Ziel" war der Titel eines Workshops, den die Greenpeace-Gruppe Hamburg auf dem McPlanet-Kongress in Berlin durchführte. Verglichen wurden der CO2-Produkt-Fußabdruck (Product Carbon Footprint, PCF) und der "ökologische Fußabdruck" (Ecological Footprint, EFP). Beide Methoden sollen Unternehmen helfen, ihre Produktionsprozesse umweltverträglicher zu gestalten.
Wir haben nur eine Erde, warnte Wolfgang Pekny. Foto: Andreas Schoelzel/Greenpeace

CO2 als eine Art neue Währung einführen möchte Jacob Bilabel, Geschäftsführer von Thema1, Veranstalter des ersten Product Carbon Footprints World Forums mit mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 20 Ländern im März diesen Jahres. Bilabel führt zu Beginn seines Vortrages aus, dass die Diskussion nach seinem Eindruck eine sehr emotionale ist, und dass er gerne dazu beitragen möchte, diese zu rationalisieren. Sein Ansatz ist ein pragmatischer: Er betrachtet den durchschnittlichen pro-Kopf-Ausstoß dieses Klimagases. Es geht um Konsum und Lebensstil und um sogenannte importierte Emissionen. Jacob Bilabel betrachtet die lokalen Emissionen einer Region wie Europa, die vor Ort entstehen, und stellt fest, dass diese durch aktuelle politische Maßnahmen und Verhaltensänderungen vor Ort tatsächlich im Sinken begriffen sind. Gleichzeitig steigen die importierten Emissionen, das heißt wir Europäer importieren Waren und Dienstleistungen, die einen CO2-Ausstoß außerhalb Europas verursachen, womit wir unsere lokale Bilanz schönen. Tatsache ist, dass der globale Ausstoß in der Summe steigt. Wir machen uns im Bilde eines bekannten Märchens eine weiße Pfote.

Ergebnis der Überlegungen Jacob Bilabels ist, dass der Gesamtkonsum sinken muss -  während er real steigt. Als Mittel zum reellen Vergleich sieht er den CO2-Produkt-Fußabdruck, den product carbon footprint (PCF). Er will den vollständigen Treibhausgas-Ausstoß in den Blick bekommen, wozu er ein CO2-Äquivalent für jegliche Treibhausgase vorschlägt.

Gut leben auf leichtem Fuß: Auch dabei sollen Footprint-Methoden helfen, mit denen jeder seinen Lebensstil ökologisch überprüfen kann. Foto: Andreas Schoelzel/Greenpeace

Eine Art Umrechnungskurs soll allen Ausstoß von Klimagasen in CO2-Äquivalenten transparent machen. Dadurch werden die Bilanzen von unterschiedlichen Staaten, wie z.B. Deutschland und China vergleichbar und man erhält letztendlich eine Gesamtbilanz.
Bilabel merkt an, das es so einen etablierten Bewertungsstandard zur Zeit noch nicht gibt. Doch mindestens drei Ansätze sind vorhanden, bekannt unter den Kürzeln ISO 14067 (ab 2011 ein neuer Umweltstandard ausgehend von ISO 14000), WRI/WBESG und PAS 2050. Bei uns im Land gibt es das "Nationale PCF Pilotprojekt Deutschland“. Für die Anwendbarkeit solcher Standards sind grundsätzliche Ziele gesetzt: Sie müssen anwendbar sein für möglichst viele Produktarten, zum Beispiel Eier oder Toilettenpapier, und sie sollen branchenübergreifend zu verwenden sein.

Als konkretes Beispielprodukt, für das eine ausführliche PCF-Analyse vorgenommen wurde, nennt Jacob Bilabel Toilettenpapier der Marke "Sanft und Sicher" der Firma DM. Weitere Fallstudien sind auf der Website von Thema1 zugänglich. Folgende Resultate daraus sind:

-    Die Ergebnisse sind besser kommunizierbar,
-    sie fördern Bewusstsein,
-    und sie sorgen für die nötige Transparenz

Vergleich zweier Footprint-Methoden: Wolfgang Pekny (links) und Jacob Bilabel (rechts), moderiert von Sven Heller/Greenpeace Gruppe Hamburg

Es gibt eine Liste von Staaten, in denen das Thema auf der Agenda steht: Zum Beispiel unter dem Stichwort Tesco in England, Migros in der Schweiz, L'Indice Carbone in Frankreich. Beim E. Leclere wird bereits ein CO2-Äquivalent-Wert eines Einkaufs für  Verbraucher auf dem Kassenzettel ausgedruckt. Allgemein steht in Frankreich die Einführung eines Carbon Labels landesweit vor der Einführung. In Japan ein System mit Schwellenwert und "unterhalb" und "oberhalb"- Angabe. In Deutschland ist der "Blaue Engel" für Klima mit PCF-Zertifizierung in Planung.

"Was können NGOs zum Klimaziel beitragen?" Das ist die Frage, mit der Wolfgang Pekny, Begründer der Plattform Footprint Österreich in seinen Vortrag über den Ökologischen Fußabdruck (Ecological Footprint/EFP) einführt. Er präsentiert den Begriff der "Übernutzung" der Erde. Das diese nicht wachsen wird, ist eine Binsenweisheit, daher hat ihre Nutzung Grenzen. Kann man diese Grenzen messen? Ja man kann, sagt Pekny. "Wir haben diese Grenzen bereits überschritten, die Erde ist übernutzt". Daher sei ein neues Bild der Erde für uns nötig. Der "ökologische Fußabdruck" soll dazu dienen, dieses anschaulich zu machen. Betrachtet wird dabei das Verhältnis von Nutzung und Vernichtung brauchbarer Flächen. Als Maßstab dient die Einheit "Global Hektar". Die Summe aller verfügbaren "Global Hektar" geteilt durch die Summe aller Menschen ergibt die Fläche, die theoretisch jedem lebenden Menschen als Grundlage zum Leben dient.

Runde der Teilnehmerinnen des Footprint-Workshops. Foto: Andreas Schoelzel/Greenpeace

Tatsache ist aber, dass die Menschheit aktuell schon mehr Global Hektar verbraucht, als zur Verfügung stehen. Wir überanspruchen also die Regenerationsfähigkeit des Planeten. Anders gesagt: Wir leben auf Kredit. Aktuell leben wir so, als ständen uns zwei Erden zur Verfügung. Im Weltdurchschnitt gemessen. Wir Deutschen leben als hätten wir noch zwei Erden zusätzlich im Keller! Dabei sind die Verbraucher der Erde auf unserem Planeten ungleich verteilt.

Genauer untersucht, ergibt sich folgendes Bild: Dreiviertel der Menschheit hat nichts abbekommen von der vorhandenen Erde. Jedes Jahr werden die erneuerbaren Ressourcen der Erde global um das 1,2 Fache überbeansprucht. Der Verbrauch steigt. Die Geschwindigkeit der Steigerung des Verbrauchs steigt. Hochgerechnet verbraucht die Menschheit im Jahre 2050 32 Erden.

Da "Schulden" vorhanden sind, reicht auch ein Halten auf dem heutigen Stand nicht aus. Wirklich helfen würde nur ein "Schrumpfen"! Wolfgang Pekny fragt, wie das bewerkstelligt werden kann. Gibt es eine Existenz ohne das Anhäufen von ökologischen Schulden? Wo könnten man Beispiele finden? Als Beispiel führt er die Menschen in Mali an. Sie haben einen Lebensstil mit einem kleinen Fußabdruck. Aber möchten wir, bei dem, was wir aus den Medien kennen, in Mali leben? Vermutlich nicht. Es fehlt jegliche Freude bei solch einer Vorstellung. Das ist das Stichwort, zu dem er kommen möchte: Wie kann man mit Freude schrumpfen? Sein Motto: "Gut leben auf leichtem Fuß" Mit Blick auf vielerlei Appelle an den Einzelnen aus der ökologischen Bewegung stellt er die Frage, ob Engagement im Privaten eigentlich reichen kann? Das verneint er. Die systemischen Tatsachen sind zu gravierend, als dass ausschließlich persönliches Engagement genügen kann. Entscheidungen sind auch bei Produzenten und in der Politik gefragt.

Hier setzt die Plattform Footprint an. Sie will einen Entscheidungsmaßstab schaffen, der für verschiedenste Produktarten funktioniert, eine differenzierte Berechnung für die einzelne Ressource erlaubt sowie eine Analyse "in die Tiefe" aller Umstände, unter denen produziert wird, und die eine differenzierte Betrachtung von Einzelposten bei Verbraucher und Produzent ermöglicht. Ergebnis ist das CO2-Äquivalent, einen Maßstab für "alles und jedes", mit dem Gewinn, dass man "Äpfel und Birnen" vergleichen kann. Diesem Ziel gegenüber steht das Problem der Unschärfe der Methoden. Wie kann man die nötigen Details präzise messen? Wie soll das Bewerten der Produkte beim Anbieter geschehen? Wie bekommt man Kriterien für Relevanz? Wo setzt man die Grenze? Wieviel Aufwand will man treiben?

Auf dem McPlanet Kongress in Berlin fordern rund 1700 Teilnehmer einen oekologischen und sozialen Neustart unter dem Motto: "Game over. Neustart". Foto: Andreas Schoelzel/Greenpeace

Als Beispiel berichtet Wolfgang Pekny von der Überraschung bei Produzenten, wenn man Interesse an bestimmten Details aus dem Produktionsprozess zeigt, beispielsweise nach dem Fußabdruck der Mitarbeiter auf ihren Fahrten zwischen Dienst und Zuhause. Meist ist niemand auf die Idee gekommen, solch eine Frage zu stellen, oder man setzt solche unbekannten Werte gleich Null. Was natürlich nicht richtig ist, aber auch nicht immer relevant. Er möchte Positionen bewerten und dann über ihre Relevanz befinden. Auch er lässt Werte weg, wenn er begründen kann, warum sie marginal sind. Er möchte die Gründe benennen können. Die Entscheidung soll transparent sein und nicht aus dem Bauch.

Speziell benennt Pekny die fünf "F", die er bei der Betrachtung für absolut unverzichtbar hält:

- Fliegen: Der Fußabdruck von Fliegen ist so gravierend, dass jeder andere Betrag davor verblasst. Wer fliegt, kann auf alle anderen Sparmaßnahmen verzichten. Die Auswirkungen lassen sich nicht kompensieren;

- Fahren mit dem Auto: Nach dem Fliegen hinterlässt das Autofahren den zweitgrößten Fußabdruck. Sein Rat: wenig, langsamer und möglichst zu mehreren, um den Pro-Kopf-Ausstoß des Fahrzeugs zu optimieren;

- Fleisch essen: Auf jeden Fall geht es darum, weniger Fleisch zu essen;

- Wohnen wie im Fass: Leben in kompaktem Wohnraum, viel Raum, wenig Außenfläche, gleichzeitig steht das Fass für gute Dämmung;

- Freude: Freude resultiert aus der Umsetzung der Einsicht in die Tat. Wolfgang Pekny hält das für äußerst wichtig, es ist ein Gegenmittel zur Ideologie.

Diskutierten zwei Tage lang: Teilnehmer des McPlanet-Workshops in Berlin. Fotos. Andreas Schoelzel/Greenpeace

Wie kommt man vom Pro-Kopf-Footprint zum Produkt-Footprint? Für Unternehmen werden die oben bereits genannten Werte aus dem Produktionsprozess berechnet: Leistung, Verkauf, Personal und Überbau von allen Beteiligten am Liefervorgang. Relevant ist danach zum Beispiel auch das Flugzeug des Firmeninhabers, der sich daher für ein aussagekräftiges Zertifikat nicht vernachlässigen lässt. Der private ökologische Fußabdruck der Beschäftigten ist von Bedeutung. Die Methoden, die man allgemein dafür verwendet, sind als Prozesskettenanalyse und "Life Cycle Analysis" (LCA) bekannt. Immer sind die ermittelten Werte Näherungen, die durch Bewerten und begründetes Weglassen gefunden werden. An diesem Punkt beginnt die vergleichende Diskussion beider Methoden.

Wolfgang Pekny benennt Probleme, die beide Footprint-Konzepte teilen, die sogenannten blinde Flecken der Methoden: PCF ignoriert Flächenbedarf. Beide ignorieren Biodiversität, sowie die Giftigkeiten von Substanzen und auch den Wasserverbrauch. Jacob Bilabel schließt an, eine Herausforderung für PCF sei es, die Herkunft des im Produktionsprozess benutzten Stroms zu berücksichtigen. Es geht ihm insbesondere um die Handlungsrelevanz. Das bedeutet, dass er klare Handlungsempfehlungen geben kann. Wolfgang Pekny bedauert ganz speziell, dass es nirgendwo konkret realisierbar sei, Empfehlung der Art "Dieses Produkt bitte nicht kaufen!" zu geben. Er sieht bei bestimmten Produkten durchaus die Notwendigkeit für so drastische Maßnahmen, aber derzeit rechtlich keine Möglichkeit, sie zu realisieren. Wolfgang Pekny stellt fest, dass PCF und EFP beide starken wert auf Nachvollziehbarkeit (Transparenz) legen. Jacob Bilabel macht anhand eines konkreten Produktes deutlich, zu welcher Komplexität sich eine konkrete Analyse entwickeln kann, in seinem Beispiel dem Hühnerei. Er stellt fest, dass es im Einzelfall darauf ankommen kann, nicht nur zu betrachten, wie es entsteht, sondern beispielsweise auch, wie es in der Küche eines Haushalts erhitzt wird. Beim Ei hat man sich auf Grund der Vielfalt der Faktoren entschieden, drei verschiedene Bewertungen als Szenarien unabhängig nebeneinander zu stellen. Ein Hersteller hat sich in der Konsequenz entschieden, Eier mit Kocher gebündelt zu bewerben und zu verkaufen, da der Eierkocher den geringsten Energieverbrauch aufwies. Wolfgang Pekny bemerkt, dass es einen Zielkonflikt bei der Bewertung geben kann, der teilweise nicht lösbar ist. Man kann Szenarien denken, in denen der gewünschte Spareffekt den Nutzwert so sehr beeinträchtigt, dass sich das ganze Produkt in praktischer Hinsicht nicht mehr rechtfertigen lässt.

Martin Scheel/André Bagehorn